Ein visionäres Instrument

Die fehlende Orgel

Bei der feierlichen Wiedereinweihung der Zionskirche im Sommer 1953 waren sich, so verzeichnet es die Gemeindechronik, „alle bewußt, daß zur endgültigen Vollendung des Werkes noch vieles fehlt“. Insbesondere auf die fehlende Orgel wurde verwiesen. Die ursprüngliche Sauer-Orgel war in den Kriegs- und Nachkriegswirren durch Plünderer zerstört worden – und fehlt bis heute. Dabei war die Zionskirche mit ihrem weiten, hellen, wie ein Zentralbau wirkenden Innenraum von ihrem Architekten August Orth nicht zuletzt in Hinblick auf ihre herausragende Akustik entworfen worden.

Eine neue Orgel für unsere Zeit

Der durch die Spuren seiner wechselvollen Geschichte gezeichnete, für Brüche, Wandel und Spannungen stehende Kirchenraum versinnbildlicht Erfahrungen, die auch für die zeitgenössische Tonsprache maßgeblich sind. So wird mit der neuen Orgel, die insbesondere den Erfordernissen zeitgenössischer Orgelmusik Rechnung tragen soll, an die Geschichte der Kirche und an eine große künstlerisch-musikalische Vielfalt, die in der Zionskirche beheimatet ist, angeknüpft. Neben zahlreichen Ausstellungen der zeitgenössischen Kunst ist die experimentelle Musik und die Musik der Gegenwart durch Uraufführungen und Festivals der Neuen Musik in dieser Kirche immer präsent gewesen. Die neue Orgel und der KlangRaumZion werden eine Intensivierung der künstlerisch-musikalischen Auseinandersetzung in einem Stadtteil mit einem internationalen Publikum fördern, das eine hohe Affinität für zeitgenössische Kunstströmungen besitzt.

Neue Orgelklänge

Dominik Susteck improvisiert anlässlich der Orgelführung am 23. Januar 2018 in der Kunst-Station Sankt Peter Köln
Improvisation von Maximilian Schnaus mit Winddrossel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin





Die neue Orgel verbindet konventionelle mit experimentellen Registern







Flexibilität und Vielseitigkeit

Der Orgelneubau wird traditionelles Handwerk mit technischer Innovation, konventionelle mit experimentellen Registern verbinden und die herausragende Akustik der Zionskirche wieder erfahrbar machen. Durch eine große Flexibilität in der Disposition, eine breite Klangfarbenpalette und differenziert einsetzbaren Winddruck soll die neue Orgel für vielfältige Konzertformen und für eine innovativ-musikalische Bereicherung der Gottesdienste offen sein. Die Konzeption der nach Werkprinzip gestalteten Orgel folgt somit der Idee einer Universalorgel, die klangliche Elemente unterschiedlicher Epochen zu einer neuen Einheit mit möglichst großer stilistischer Bandbreite zusammenzuführen sucht. Darüber hinaus wird eine von allen Manualen flexibel anspielbare Multiplex-Lade verschiedene Register vereinen, die die musikalische Ausdruckspalette für extreme Erfordernisse erweitern: sehr massive ebenso wie sehr leise Klänge, eine Trompeteria, ungewöhnlichere Teiltöne, Mixturen und Cimbeln, Effektregister, mikrotonale Register und eine Schlagzeugbatterie. Ziel ist es, in Berlin die innovativste Orgelanlage Deutschlands entstehen zu lassen.

Die von der Orgelkommission erarbeitete Musterdisposition dient als Grundlage für weitere Planungsschritte. Auch wenn Änderungen im weiteren Projektverlauf nicht ausgeschlossen werden können, bietet die Disposition bereits jetzt eine Idee vom klanglichen Reichtum und der Flexibilität der Orgelanlage.

Hauptorgel*

Mittelempore

Hauptwerk
Prinzipal 16′
Prinzipal 8′
Gambe 8′
Rohrflöte 8′
Octave 4′
Flöte 4′
Quinte 2 2/3′
Octave 2′
Mixtur 1 1/3′
Trompete 16′
Trompete 8′

Schwellwerk I – Positiv
Prinzipal 8′
Flute harmonique 8′
Viola 8′
Octave 4′
Flute octavante 4′
Nazard 2 2/3′
Flöte 2′
Terz 1 3/5
Quinte
Septime
Oktave
None
Fagott 16′
Clarinette 8′

Schwellwerk II – Recit
Bourdon 16′
Geigenprinzipal 8′
Cor de nuit 8′
Gambe 8′
Schwebung 8′
Octave 4′
Flöte 4′
Nasat 2 2/3′
Mixtur
Basson 16′
Trompette 8
Haubois 8′
Voix humaine 8′
Clairon 4′

Pedal
Untersatz 32′
Principal 16′
Violonbass 16′
Subass 16′
Octave 8′
Gedacktbass 8′
Octave 4′
Flöte 4’
Mixtur
Bombarde 32′
Posaune 16′
Trompete 8′

Fernwerk I** (schwellbar)

linke Seitenempore

Tuba 16′
Tuba 8′
Tuba 4′
Soloprinzipal 8′
Soloflöte 8′
Solo Cornett in Einzelzügen
Harmonische Zimbel
Unharmonische Zimbel
Windharfe

Schlagwerk:
Becken
Glockenspiel
Harfe

Fernwerk II** (schwellbar)

rechte Seitenempore

Gambe 32′
Gambe 16′
Prinzipal 8′
Prinzipal 8 1/24’(Viertelton)
Gambe 8′
Gambe 8 1/24′ (Viertelton)
Gambe 4′
Gambe 2′
Harmonia aetheria
Harmonia distorta
Flatterzunge 4′ + 2′
Klarinette 8′
Klarinette 8 1/24′ (Viertelton)

Schlagwerk:
Röhrenglocken
Laute Becken
Tom-Toms

Fernwerk III** (schwellbar)

Dachstuhl

Sirene
Celesta

* mechanische Registertraktur
**Multiplexwerke, spielbar von allen Manualen und Pedal

  • Programmierbare Winddrosseln für Hauptorgel, Fernwerk I und Fernwerk II
  • Programmierbare Schleifen (alle Werke)
  • Midi-Interface (Multiplex-Werke)
  • Tastenfesseln (alle Werke)
  • Programmierbare Tremulanten

Musikstadt von Weltrang

Berlin hat sich zu einer Musikstadt von Weltrang entwickelt, und weist neben den beachtlichen Aktivitäten der großen Orchester, der Opernhäuser und der Musikhochschulen eine große freie Szene mit zahlreichen Konzertreihen und Festivals auf. Der KlangRaumZion fügt der Musikstadt Berlin eine neue, bisher unentdeckte Facette hinzu und schafft einen wichtigen und notwendigen Ort des Dialogs zwischen Neuer Musik und Kirche im 21. Jahrhundert. Komponisten soll an diesem Ort die Möglichkeit gegeben werden, die Orgel als Instrument neu zu entdecken. Eine auf das zeitgenössische Repertoire ausgerichtete Konzertreihe wird Organisten zu einer Auseinandersetzung mit Neuer Musik anregen und eine Plattform für interkulturelle und interreligiöse musikalische Begegnungsformen bieten.

Eine Vision für die Zukunft

In der an historischen Instrumenten reichen Orgellandschaft Berlins, Brandenburgs und des gesamten norddeutschen Raums wird die Orgel der Zionskirche als visionäres Instrument ein Novum darstellen. Mit der Verwirklichung des KlangRaumZion wird ein in Berlin einmaliger Möglichkeits- und Ideenraum geschaffen, in dem Musik und Liturgie sich neu begegnen können. Die Vision ist ein Ort experimenteller musikalischer Andachtsformen, ein Zentrum zeitgenössischer geistlicher Musik mit nationaler und internationaler Strahlkraft.